Vom Rausch der Sinnlichkeit 2016-07-29T19:31:12+00:00

Hans-Peter Wipplinger

VOM RAUSCH DER SINNLICHKEIT

Bianca Regls zentrale Bildsujets stellen vornehmlich Akte, Portraits und Stillleben dar. Es handelt sich bei ihrem künstlerischen Oeuvre ausnahmslos um realistische Bildwelten, die Ausgangspunkt ihrer malerischen Untersuchungen sind. Dennoch geht es der Künstlerin bei ihren figurativen Motiven nicht um die Erzählung einer Geschichte – wenngleich manche Figuren durchaus Seelenlandschaften einzelner Protagonisten schildern -, sondern um eine Malerei, die um des Malens willen entsteht und in der Schönheit und Ästhetik eine wesentliche Rolle spielen. Mit Licht und Schatten, Bewegung und Stillstand, Farben und Formen entwickelt sie Kompositionen, die eine äusserst lebendige Stofflichkeit ausstrahlen.

Bianca Regl lässt sich bei ihrer Arbeit auf kein Thema oder Sujet festlegen. Derartige Aspekte ihres Schaffens erscheinen sekundär, weil Mittel zum Zweck ihrer malerischen Analysen. Natürlich ist die Künstlerin von der visuellen, medial geprägten Kultur der Gegenwart beeinflusst, sodass sich ästhetische Quellenbezüge aus Fotografie, Film und der Welt der Printmedien herleiten lassen. Jedoch verbindet sie klassische Malereitradition mit massenmedialer Bildsprache und schafft durch ihren subjektiven Blick neue malerische Spielarten. Regl greift Details, Individuen und Stimmungen aus der alltäglichen Bilderwelt heraus und lenkt die Aufmerksamkeit auf das Einzigartige, Schöne, Geheimnis- und Lustvolle im Leben. Das Spektrum ihrer figurativen Bildwelten reicht so von zeitgeistigen Darstellungen Jugendlicher über poppige Farbkompositionen in ihren Stillleben bis hin zu vereinzelten Landschaftsdarstellungen, die sie mal kontemplativ, mal dramatisch in Szene setzt. Dennoch konzentriert sich die Künstlerin auf wenige Bildthemen, die sie über einen längeren Zeitraum in Serien aufarbeitet, wie etwa die Schwimmenden, die Arrangements der Fische-Stillleben oder etwa die sinnlich-aufreizenden Dessert-Bilder.

Wenn Bianca Regl ihre Sujets auf die Leinwand setzt, tut sie dies vorwiegend vor einem blauen, grauen oder neuerdings auch grünlich dominierten, fast monochrom anmutenden Hintergrund, in dem die gegenständlichen Objekte oder Subjekte scheinbar frei im Vordergrund des Raumes schweben. Das Unvollkommene, Skizzenhafte und Unfertige im Sinne einer Nichtausformulierung dargestellter Figuren oder Objekte scheint die Künstlerin zu faszinieren. Sie setzt bewusst auffällige, zum Teil radikale Auslassungen, nimmt Körperteile weg, fokussiert hingegen andere Details, arbeitet alle erdenklichen Versionen von Lichtreflektionen und Spiegelungen heraus oder verzerrt deren vermeintlich reale Erscheinung. Die Künstlerin vertraut darauf, dass die Augen, respektive die Gehirne der Betrachter, die Figur bzw. das Objekt fertig konstruieren.

Aufgrund präziser Setzungen von zum Teil pastosen, expressiven Pinselstrichen, die die Körper in einen Zustand der Isoliertheit versetzen, gelingt ihr eine Atmosphäre, die bei den Figurendarstellungen eine gewissen Entrücktheit der Portraitierten markiert. Wie ausgeliefert richtet sich ihr Personal vor dem Betrachter auf, manchmal in exzentrischer, selbstbewusster Pose mit direktem Blick zum Bildbetrachter, dann wieder in nach innen gewandter, in sich versunkener Haltung.

Ihr in der Regel jugendliches Personal zeigt sich gestisch artikulierend, in verrenkten Körperhaltungen oder statisch verweilend. Von einer sensibel-emotionalen Aura umgeben, wirken die Protagonisten eigenartig rauschhaft entrückt und eingebettet in ein Fluidum von Sinnlichkeit. Psychologisch betrachtet handelt es sich bei den Dargestellten um Sehnsuchtsfiguren mit meist introvertierten Blicken, sodass der Betrachter, gleich einem Observateur, in eine voyeuristische Rolle versetzt wird., aber dennoch nicht Allzuviel vom Wesen der Figur und von der Geschichte des Akteurs vermittelt bekommt. Infolgedessen lässt sich ein dargestelltes Geschehen bzw. eine mögliche Handlung nur erahnen, geht es doch vielmehr um Sehnsüchte, Wünsche, Zweifel oder Ähnliches aus dem unbewussten Archiv menschlicher Seinszustände. In Regls Bilderkosmos bekommen also Zeitgenossen einen Auftritt, die – nicht unwesentlich suggeriert durch ihre eigenwillige fremd wirkende Farbgebung – der kontextuellen Nichtverortung von Raum und Zeit und – nicht zuletzt durch wirklichkeitsfremde, formale Dekonstruktionen – einem strengen Gebot der Künstlichkeit zu folgen scheinen. Somit treffen in ihren malerischen Materialisierungen wirklichkeitsgetreue und abbildende Fragmente auf absolut künstliche Passagen und kreieren dadurch in gewisser Weise eine die realen Verhältnisse auflösende, abstrakte Welt.

Soziologische Anklänge oder Aspekte gesellschaftlicher Klassifizierungen spielen bei den Bildnissen Regls also keine wesentliche Rolle. Eher vermeintlich gibt sie – wie etwa bei der Halbfigur eines im Wasser stehenden, in tiefer Konzentration versunkenen Mannes – Einblicke in psychische Befindlichkeiten dieser Existenz und evoziert damit eine “innere” Dimension wie Melancholie, Nachdenklichkeit oder Einsamkeit. Mit dem Ausschluss der unmittelbaren Umwelt durch die Isolation einer Figur im perspektivenlosen, kulissenleeren Raum schliesst Bianca Regl per se ein soziales Milieu und damit eine Privatsphäre bzw. einen soziologischen Kontext nahezu aus. So erscheinen ihre gemalten Protagonisten in diesen ortlosen Settings fast wie schweigende Skulpturen, nicht mit Hammer und Meissel in Stein geschlagen, sondern mit dem Pinsel modelliert. Trotz der ihnen innewohnenden Dynamik sind die Sujets durch ihre nahezu skulpturale Erscheinung von Momenten der Stille und der Meditation erfüllt. Bianca Regl ist vornehmlich an der Oberfläche von Figur oder Objekt interessiert. Die hervorragend ausgebildete Künstlerin mit Studien der Malerei an der Universität für künstlerische und industrielle Gestaltung in Linz, der Akademie der Bildenden Künste in Wien, den Ateliers de Beaux-Arts in Paris sowie an der UCLA in Los Angeles hat in den letzten Jahren eine aussergewöhnliche Meisterschaft in diesem Genre entwickelt: Im Umgang mit Lichtführung und Lichtregie, also mit dem komplexen Spiel von Licht und Schatten, gelingt es ihr, durch gekonnten Einsatz von Chiaroscuro eine dramatische Intensität zu generieren und die Körper bzw Gegenstände in eine enigmatische Atmosphäre zu setzen. Von sonnendurchflutet-gleissenden bis hin zu düster-diffusen Partien wird die ganze Palette aufgeboten, ja gerade lustvoll zelebriert. Mit der Differenzierung bzw. Kontrastierung von Fläche und Körperlichkeit und nicht zuletzt durch die Verwendung von intensiven, wirkenden Farbkonstellationen schafft Bianca Regl subtile Nuancierungen des jeweiligen Farbspektrums. Der Künstlerin gelingt es in ihren Kompositionen, den modellierten Körpern nicht nur eine kraftvolle Plastizität zu verleihen, sondern diese Körper und Formen auch mit einer energetischen Spannkraft aufzuladen. Fast ist man gewillt zu glauben, dass der Rezeptionsweg dieser kontextenthobenen Sujets bei Regl nur über die Oberfläche und die Patina zum Wesen der Dinge führt. In der kleinformatigen Serie der Dessert-Bilder seziert die Künstlerin in verschiedenen Stadien den genussvollen Verzehr von saftig-samtroten Kirschen, wobei sie erneut nur gewisse Fragmente ins Bild rückt.

Die Virtuosität der Pinselführung, die lebendige Korrespondenz zwischen den benachbarten Farben und das Spiel mit Lichtbrechungen und -spiegelungen wird hier wiederum meisterhaft ausgeführt. Der malerische Gestus ist locker, offen und teilweise mit farbgetränktem Pinsel so schnell gesetzt, dass Rinnspuren auf der Leinwand stehen bleiben. Aus der Wechselbeziehung zwischen Gegenstand und Farbe, zwischen Subjekt und Farbfläche inszeniert die Malerin geradezu eine erotische Szenerie, nicht unwesentlich hervorgerufen durch die Wahl des Bildauschnitts sowie durch das verwendete, emotionalisierende Kolorit. Denn Farbe fungiert hier nicht als die Farbe des Lebens, sondern besitzt vielmehr eine Symbolkraft des Gezeigten, die damit eben erst eine nicht unbedeutende emotionale Aufladung erfährt. Generell evoziert die oft unnatürlich wirkende, satte und stark verfremdete Farbigkeit bei Bianca Regl etwas für sich selbst Exisitierendes mit explizit erotisch-gefühlsbetonten Konnotationen. Bei der nun bereits über Jahre entstehenden Serie der Schwimmenden spielt Regl mit subtil verzerrten Körperformen. So werden manche Körperausschnitte in malerischer Ausformulierung der Sichtbarkeit preisgegeben, andere Partien nur als verschwommene Konturen dargestellt, in denen das Flächenhafte zu vibrieren beginnt. Die Ganzheit eines Körpers oder eines Gesichtes wird in diesen Kompositionen selten wiedergegeben, im Gegenteil, dieser Meisterin der Fragmentierung und Fokussierung auf Details geht es vielmehr um Strukturen, die in flächenhaften Formen ihre Umsetzung finden. Die zentrale Fragestellung dieser malerischen Untersuchungen gilt somit vielmehr dem Wechselspiel von vermeintlicher Wirklichkeit versus subjektiver Wahrnehmungsprinzipien inklusive der Analyse differenter visueller Phänomene. Auch in der Serie der (toten) Fische, die uns in der kunsthistorischen Gattung des Stilllebens begegnet, geht es ihr nicht um die Narration, d.h. um dargestellte Gegenstände und die Vermittlung von symbolisch verschlüsselten Botschaften wie es in der grossen Zeit von Natura Morta der Fall war, sondern wiederum um innerbildliche Farb- und Formbezüge als selbständige Grösse. Selten wurde eine heute so antiquiert erscheindene, traditionelle Gattung der Malerei, wie sie Stillleben nun einmal darstellen, so in die Gegenwart transformiert, wie es bei Bianca Regl der Fall ist. Zweifellos evoziert die üppige, farbintensive und doch so schwebend-leicht erscheinende Malerei Regls bei den Rezipienten eine Art hypnotische Wirkung und Rauschhaftigkeit durch das Medium der Malerei selbst. Es sind kraftvolle, mit ausdrucksstarkem Duktus formulierte, sinnlich überbordende Gemälde, die eine hohe malerische Dichte und eine erstaunliche Intensität besitzen. Ihre durch kontrastreiche Lichtregie geschaffenen Bilder stillen das Verlangen nach Sinnlichkeit und wollen dabei keineswegs Wirklichkeit repräsentieren, sondern vielmehr – quasi wie durch einen malerischen Filter – eine Diagnose vom Wesen der Dinge und der Menschen aus einer gewissen Distanz abgeben.

Vor allem aber wird bei der Betrachtung des Werkes evident, dass Bianca Regl eine Apologetin der Malerei um des Malens Willen ist, die in ihrem künstlerischen Schaffen versucht, den konventionellen Formen des Sehens zu trotzen, um sich andere visuelle Wahrheiten zu erschliessen.